Zeigt deine Hündin plötzlich mütterliches Verhalten, bemuttert ihr Spielzeug oder produziert sogar Milch, obwohl sie nicht gedeckt wurde? Dann steckt möglicherweise eine Scheinschwangerschaft dahinter. Die sogenannte Pseudogravidität ist bei unkastrierten Hündinnen keine Seltenheit und tritt meist einige Wochen nach der Läufigkeit auf. Erfahre, welche Symptome typisch sind, wie lange eine Scheinschwangerschaft dauert und wann ein Tierarztbesuch sinnvoll ist.
Was ist eine Scheinschwangerschaft beim Hund?
Eine Scheinschwangerschaft, auch Scheinträchtigkeit oder Pseudogravidität genannt, ist ein hormonell bedingter Zustand, bei dem eine Hündin körperliche und psychische Anzeichen einer Trächtigkeit zeigt, obwohl sie nicht tragend ist.
Der Auslöser sind natürliche hormonelle Veränderungen nach der Läufigkeit. Dabei unterscheidet sich der Hormonverlauf bei nicht tragenden Hündinnen kaum von dem einer tatsächlich trächtigen Hündin. Dadurch können mütterliches Verhalten und sogar Milchbildung entstehen.
Was löst eine Scheinschwangerschaft bei Hunden aus?
Die Scheinträchtigkeit bei Hündinnen ist tatsächlich eine Besonderheit beim Hund. Bei vielen anderen Tierarten erkennt der Körper, ob eine Befruchtung stattgefunden hat. Beim Hund läuft der Zyklus fast identisch ab, egal ob ein Deckakt stattgefunden hat oder nicht, eine Trächtigkeit besteht oder nicht. Die Ursache liegt in den hormonellen Abläufen während und nach der Läufigkeit. Nach der Läufigkeit (Östrus) durchläuft jede Hündin eine Phase, die Diöstrus genannt wird. In dieser Phase:
- bleibt das Hormon Progesteron zunächst hoch
- danach fällt es deutlich ab
- gleichzeitig steigt das Hormon Prolaktin
Und genau dieses Prolaktin ist entscheidend. Es fördert mütterliches Verhalten und Milchbildung. Das Besondere beim Hund ist, dass der hormonelle Verlauf nahezu identisch ist, egal ob deine Hündin tragend ist oder nicht. Deshalb ist die Scheinträchtigkeit bei Hündinnen sehr häufig und an sich kein medizinischer Ausnahmefall.
Scheinschwangerschaft beim Hund: Symptome
Die Symptome einer Scheinschwangerschaft können sehr unterschiedlich ausfallen. Während manche Hündinnen kaum Veränderungen zeigen, entwickeln andere deutliche körperliche und verhaltensbedingte Anzeichen, die einer echten Trächtigkeit ähneln.
Wie stark die Symptome ausgeprägt sind, hängt unter anderem von der individuellen Hormonempfindlichkeit und dem Prolaktinspiegel der Hündin ab. Dieses Hormon fördert mütterliches Verhalten und die Milchbildung.
Typische Verhaltensänderungen
Viele Hündinnen zeigen während einer Scheinschwangerschaft ausgeprägtes Mutterverhalten. Häufige Anzeichen sind:
- Bemuttern von Spielzeug, Decken oder anderen Gegenständen
- Nestbauverhalten, beispielsweise das Umgestalten des Körbchens
- erhöhte Anhänglichkeit
- Rückzug und vermehrtes Ruhebedürfnis
- Unruhe oder Nervosität
- Winseln oder Jaulen
- Reizbarkeit oder Aggression, insbesondere wenn vermeintliche „Welpen" weggenommen werden
Körperliche Symptome einer Scheinschwangerschaft
Neben Verhaltensänderungen können auch körperliche Anzeichen auftreten:
- geschwollene Milchleisten
- Milchbildung oder Milcheinschuss
- vergrößerter Bauchumfang
- gesteigerter oder verminderter Appetit
- Müdigkeit und Antriebslosigkeit
- in seltenen Fällen Fieber oder schmerzhafte Veränderungen des Gesäuges
Wann tritt eine Scheinschwangerschaft auf?
Typischerweise beginnen die Symptome etwa 4 bis 9 Wochen nach der Läufigkeit. Genau in dieser Zeit würde auch eine tatsächliche Trächtigkeit fortschreiten oder die Geburt der Welpen bevorstehen.
Wie lange dauert eine Scheinschwangerschaft beim Hund?
In den meisten Fällen halten die Beschwerden etwa zwei bis drei Wochen an. Manche Hündinnen zeigen jedoch über einen längeren Zeitraum (bis zu 30 Tagen) Symptome.
Klingen die Beschwerden nicht ab oder verschlimmern sie sich, sollte ein Tierarzt hinzugezogen werden.
Ist eine Scheinschwangerschaft bei Hunden gefährlich?
In den meisten Fällen ist die Scheinträchtigkeit beim Hund harmlos und regelt sich nach kurzer Zeit von allein. Aber es gibt auch ernsthafte Anzeichen, die deine Aufmerksamkeit wecken sollten:
- Es besteht eine starke Milchproduktion
- Das Gesäuge ist schmerzhaft
- Dein Hund hat Fieber
- Dein Hund hat deutliche Verhaltensstörungen und leidet darunter
- Die Scheinschwangerschaft zeigt sich bei jeder Läufigkeit mit starker Ausprägung
Wenn die Scheinschwangerschaft beim Hund mit starken Symptomen wie Gesäugeanbildung und Milchproduktion oder gar Entzündungen regelmäßig nach einer Läufigkeit auftritt, kann das Risiko für Gesäugeentzündungen (Mastitis) oder langfristig auch Gesäugetumore erhöhen. Dann solltest du unbedingt reagieren.
Was tun bei einer Scheinschwangerschaft bei Hunden?
Ob eine Behandlung notwendig ist, hängt davon ab, wie stark die Symptome ausgeprägt sind. In vielen Fällen verläuft eine Scheinschwangerschaft mild und klingt innerhalb weniger Wochen von selbst wieder ab.
Leichte Fälle
- Beobachte deine Hündin und unterstütze sie mit einem angepassten Alltag.
- Oft reichen Beschäftigung, Bewegung und etwas Geduld aus.
Starke oder wiederkehrende Symptome
- Bei ausgeprägter Milchbildung, schmerzhaftem Gesäuge oder deutlichen Verhaltensveränderungen solltest du einen Tierarzt aufsuchen.
- Je nach Ausprägung können Medikamente, beispielsweise Prolaktinhemmer, eingesetzt werden.
- In seltenen Fällen kann auch eine verhaltenstherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
So kannst du deine Hündin unterstützen
Mit einigen einfachen Maßnahmen kannst du dazu beitragen, dass die Beschwerden schneller abklingen:
- Schenke dem Bemutterungsverhalten möglichst wenig Aufmerksamkeit. Auch wenn es schwerfällt: Zu viel Zuwendung kann das Verhalten unbewusst verstärken.
- Entferne Spielzeug, Kuscheltiere oder andere „Ersatzwelpen“ möglichst unauffällig und ohne Stress.
- Sorge für ausreichend Bewegung, Beschäftigung und geistige Auslastung. Längere Spaziergänge, Suchspiele oder Trainingseinheiten lenken ab und helfen vielen Hündinnen dabei, die Phase besser zu überstehen.
- Bei starker Milchbildung kann dein Tierarzt empfehlen, die Energiezufuhr vorübergehend leicht anzupassen.
- Verhindere möglichst, dass deine Hündin ständig am Gesäuge leckt. Hier können beispielsweise ein Body oder ein T-Shirt helfen.
Wichtig: Das solltest du vermeiden
Ein häufiger Fehler ist es, das Gesäuge zu massieren oder Milch auszudrücken. Dadurch wird die Milchproduktion zusätzlich angeregt und die Symptome können sich sogar verschlimmern.
Außerdem solltest du:
- keine Medikamente ohne tierärztliche Rücksprache verabreichen
- Homöopathie oder andere Mittel nicht als Ersatz für eine tierärztliche Behandlung bei starken Beschwerden einsetzen
- Spielzeug oder andere „Ersatzwelpen“ nicht gewaltsam wegnehmen
- deine Hündin nicht schimpfen oder bestrafen
Deine Hündin macht ihr Verhalten nicht absichtlich. Die Scheinschwangerschaft wird durch hormonelle Veränderungen ausgelöst und fühlt sich für sie vollkommen real an. Geduld, Ruhe und ein konsequenter Umgang helfen in dieser Phase meist am besten.
Wann ist eine Kastration sinnvoll?
Eine Kastration, das operative Entfernen der hormonproduzierenden Organe, also der Eierstöcke und der Gebärmutter, kann bei sehr starker, belastender Scheinschwangerschaft beim Hund mit Verhaltensproblemen und Gesäugeveränderungen durchaus ratsam sein. Der optimale Zeitpunkt für eine Kastration ist die hormonell ruhige Phase (Anöstrus). Das optimale Vorgehen ist unbedingt mit dem Tierarzt im Einzelfall zu besprechen.
Auch wenn das Verhalten manchmal „übertrieben“ wirkt, vergiss nicht, dass deine Hündin dir nichts vorspielt. Sie befindet sich in einem hormonellen Zustand, der sich für sie absolut real anfühlt. Deshalb sei geduldig und verständnisvoll und biete ihr ruhige Unterstützung. Das ist das Beste, was du für sie tun kannst.
Wann solltest du zum Tierarzt?
Ein Tierarztbesuch ist ratsam, wenn:
- starke Milchbildung auftritt
- das Gesäuge schmerzhaft oder entzündet wirkt
- deine Hündin Fieber hat
- die Verhaltensänderungen sehr stark ausgeprägt sind
- die Beschwerden nach jeder Läufigkeit erneut auftreten
Gegebenenfalls können Medikamente eingesetzt werden, um die Beschwerden zu lindern und die Milchproduktion zu verringern.
Quellen:
Kohn, B. et al.: Praktikum der Hundeklinik, Thieme Verlag, 12. Auflage 2018
Günzel-Apel, A.; Bostedt, H.: Reproduktionsmedizin und Neonatologie von Hund und Katze, Schattauer, 1. Auflage 2016